Altjahresabend-Predigt zum Hören und Lesen

Erstellt am 31.12.2020

Predigt zum Altjahresabend von Pfarrerin Frauke Hayungs

Liebe Gemeinde,

jetzt ist es um, das Jahr 2020. Und was war das für ein Jahr. Letztes Silvester, ich vermute einmal hatte niemand von uns auch nur einen Schimmer, was das Jahr uns bringt. So ist es meistens. Wir wissen nicht genau, wo der Weg uns lang führen wird. Und das ist auch gut so.

Manchmal wünschte ich mir etwas mehr Orientierung. So wie Gottes Volk sie hatte , als es aus der Sklaverei in Ägypten befreit auf dem Weg war in das gelobte Land:

 

Exodus 13,20-22

So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste. Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

 

Feuersäule in der Nacht, Wolkensäule am Tag.
Gott geht mit, den ganzen Weg.
Mehr noch, Gott geht voran.

Diese Gewissheit wünsche ich mir.
Am liebsten genauso sichtbar, wie Feuerschein und Wolke. Dann bräuchte ich mich nicht nur auf meine Glaubensgewissheit zu verlassen, sondern hätte etwas vorzuweisen.

Ich fühle mich an die Jahreslosung erinnert:

 

Ich glaube, hilf meinem Unglauben. (Markusevangelium 9,24)

 

Aber wer sagt, dass das Leben einfacher wird, wenn Gott so sichtbar voranschreitet. Das Gottes Volk ist 40 Jahre in der Wüste im Kreis gelaufen. Trotz Gottes Gegenwart in Feuerschein und Wolke.

Mich erleichtert es, dass selbst in der Bibel Orientierungslosigkeit und auch Murren und Verzweiflung möglich sind, obwohl Gott dabei ist.

Orientierungslosigkeit, Murren und vielleicht sogar Verzweiflung kenne ich aus dem vergangenen Jahr.

Doch ich glaube fest:
Gott hat uns durch das vergangene Jahr begleitet und Gott wird auch im kommenden Jahr an unserer Seite ist.

Und es wird trotzdem kompliziert werden, vielleicht manchmal auch schmerzhaft. Es wird lustig und ernst und manchmal wissen wir vielleicht auch nicht so genau, wo es langgeht und drehen uns im Kreis.

Das gilt auch für unseren Neubeginn als vereinigte Lydia Kirchengemeinde.

Auf meinem Schreibtisch ist eine Postkarte mit der Jahreslosung 2020:

Ich glaube, hilf meinem Unglauben.

Auf der Karte ist ein Glas abgebildet. Es ist halb-voll mit Wasser. Oder vielleicht auch halbleer.

Wenn ich auf dieses Jahr zurückblicke, war es halbvoll oder halb leer?

Wie geht es Ihnen, wenn Sie darauf zurückblicken?

Wie war Ihr Jahr?

Ich versuche einmal einen persönlichen Rückblick und probiere, dabei nicht nur auf Corona zu schauen, und das ist gar nicht so einfach, weil dieses Thema so dominiert.

Für mich war es ein gefülltes Jahr.

Gefüllt mit Schönem: Die Einschulung unserer Tochter, habe neue, richtig tolle Ehrenamtliche in der Gemeinde kennengelernt und selbst ganz neue Fertigkeiten erlernt, einen Videogottesdienst zu Heiligabend gemacht (wer mir das vor einem Jahr gesagt hätte, dem hätte ich einen Vogel gezeigt.)

Ich denke an meine Freund*innen, zu manchen hatte ich sogar intensiveren Kontakt als vor der Pandemie.

Aber nicht alles war leicht im vergangenen Jahr. Die bevorstehende Vereinigung der Gemeinden hat viel Arbeit gekostet. Ein wenig Wehmut erfüllt mich, weil das Ende des Jahres auch den Abschied von unseren kleinen Gemeinden bedeutet, wo wir alles genau kennen, und den Aufbruch in das noch nicht so bekannte Land der Lydia-Kirchengemeinde.

Und manches hat mich auch regelrecht erschüttert: Corona, na klar, aber nicht nur. Ich denke an das Unrecht, das wir Europäer*innen an unseren Außengrenzen zulassen, ich denke an die Familien, die auch in diesem Jahr Abschied von geliebten Menschen genommen haben. Ich denke an die Kinder, denen Unrecht angetan wird durch das Machtgefälle, bei dem sie am unteren Ende stehen. Ich denke an die gute Freundin, die eine Krebsdiagnose bekommen hat, kurz vor Weihnachten.

2020 war kein Jahr in Schwarz-Weiß. Da waren viele Grautöne dabei. Und Bunt. Und manchmal wurde es mir zu bunt. 2020 war wunderschön, und herzzerreißend. Manchmal hat es mich ratlos gemacht, oft erschöpft und ich bin dünnhäutig geworden durch dieses Jahr.

Ich vermute, es geht vielen von Ihnen ähnlich.

Ich lese das Gedicht non Dietrich Bonhoeffer:

 

1. Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

2. Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.

3. Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.

4. Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.

5. Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

6. Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

7. Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei  uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

 

Jetzt stehen wir an der Schwelle zum Jahr 2021. Die neue Jahreslosung grüßt schon von morgen:

 

Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!

(Lukasevangelium 6,36)

 

Das ist doch mal ein guter Vorsatz.

Dass wir mit uns selbst und miteinander barmherzig umgehen.

Indem wir Rücksicht nehmen und vielleicht auch Verständnis haben, wenn jemand ganz dünnhäutig explodiert.

Indem wir barmherzig miteinander sind, auch wenn vielleicht in der neuen Lydia-Kirchengemeinde etwas nicht so rund läuft, wie geplant.

Indem wir von unserem Reichtum – sei es an Geld oder aber an Bildung oder von dem Reichtum geliebt zu werden, geliebt zu sein – denen abgeben, die es weniger glücklich getroffen haben.

Gott ist barmherzig mit uns. Und in seiner Barmherzigkeit und Liebe geht er voran, in   Wolken und Feuersäule.

Gott ist bei  uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Amen

Die Predigt als Audio-Datei

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Gebet zum neuen Jahr

Danke dir Gott für das vergangene Jahr.

Danke trotz allem.

Ich lege es zurück in deine Hand.

Manches möchte ich dir am liebsten vor die Füße knallen, manches lege ich zärtlich in deine Hand zurück und bei manchem möchte ich, mich am liebsten gleich mit dazu legen, damit du mich trägst.

Gott, ich bitte dich, sei bei mir, sei bei uns allen im kommenden Jahr.

Hilf, die Grautöne und das Schwarz und das Weiß auszukosten.

Mach unser Jahr bunt, aber bitte so, dass wir es noch ertragen können.

Denn noch ein Jahr, das es zu bunt treibt, mag ich mir nicht vorstellen.

Gott, sei bei uns in allem was kommt.

Sei bei uns mit deiner Barmherzigkeit.

Sei barmherziger mit mir und mit anderen als ich selbst.

Sei Feuerschein und Wolke, sei Stecken und Stab und bleib unser Vater.

Vater unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich

und die Kraft und die Herrlichkeit

in Ewigkeit. Amen.